Spuren IV – Wie nehmen wir wahr?
Das Sein ist für alle Menschen in gleicher Weise begründend. Es zu erfassen, ist nicht leicht. Viel leichter dagegen ist es, das Seiende zu erfassen, da es ja vor uns liegt. Wer Interesse hat, neugierig ist und Fragen ihn umhertreiben, der hat schon längst gemerkt, dass das Vorliegende allein nicht „alles sein kann“.
Überhaupt begegnet uns die Frage oft „Was, das war schon alles?“ Und aus dieser Unerfülltheit heraus, wird schon nach dem nächsten gestrebt, in der Hoffnung, dort das „Alles“ zu finden. Manche beschreiben diesen leicht zu beobachtenden Vorgang mit „Spaßgesellschaft“, etc., aber ich glaube nicht, dass es vor „unserer Spaßgesellschaft“ anders zuging in Bezug auf das Verborgende, Dahinterliegende. Vielleicht wurde früher sogar noch mehr nur auf das Erscheinende geschaut als heutzutage, es war für viele gar kein Anlass da, weiter zu suchen und zu sehen.
Wenn das, was vor uns liegt, ‚noch nicht’ alles ist, was ist es selbst denn dann? Es ist das, was wir wahrnehmen. Nun stehen wir vor einem zweifachen Problem: (...Und da C. und K. immer noch ihren Text über die Wahrheit nicht veröffentlich haben...J )
Wir nehmen, wie in dem letzten Teil beschrieben, etwas Unstetes wahr. Etwas Vergängliches und damit Wandelbares. Und wir nehmen dieses und jenes mittels unserer Wahrnehmung wahr, meistens ohne zu fragen, ob diese überhaupt dazu geschaffen ist, irgendetwas ‚wirklich’ wahrzunehmen.
Unsere Wahrnehmung wird von vielen Faktoren beeinflusst: Werte, Normen, Gesetze, Regeln, Verbote, Gebote, Vorbilder, Ideen, Emotionen, Empfindungen, Erfahrungen, Erinnerungen, Einstellungen und Stimmungen. Um zu verdeutlichen, wie sich der Einfluss dieser Faktoren auf unsere Wahrnehmung auswirken kann, brauchen wir eine kleine „Bilderleben“-Geschichte:

Man stelle sich einen wunderschönen Sonnenuntergang an einem entlegenen See vor. Am Ufer steht ein, von der Sonne erwärmter, großer Stein. Auf dem kann man sitzen und sich das Ganze anschauen, wahrnehmen. Um den See herum führt ein heimeliger kleiner Weg, von duftenden Blumen gesäumt. Es ist sehr sommerlich warm und nur eine leichte erfrischende Brise kühlt ab und zu und lässt das grüne Laub der Bäume angenehm rauschen. Auch das Wasser ist noch so warm, dass man ohne Überwindung einsteigen kann. Die untergehende Sonne malt mit den schönsten Farben am Himmel und dieses Schauspiel spiegelt sich im Wasser. Ein paar Fische lassen hin und wieder größer werdende Ringe entstehen, die sich bis zum Ufer ausdehnen. Die Zeit scheint still zu stehen, alles ist so friedlich und ohne Lärm.
So sitzt man dort und was sieht man? Gestern Nacht hat sich der geliebte Freund nach vier Jahren endgültig wegen ‚ihr’ getrennt. Alles in einem ist gelähmt, steif, einfach ‚angehalten’, nur dass man den Atem nicht einfach abstellen kann, aber es fühlt sich so an. Irgendetwas ist abgeschnitten, tot. Die Zukunft war doch schon geplant: Zusammenziehen, Urlaub buchen, sogar das Probeliegen bei Ikea auf dem großen runden Bett ... Und nun gibt es das nicht mehr.
Wie wird man die oben beschriebene Szene wahrnehmen?
Man malt sich immer alles so zurecht, wie es gerade passt, vielmehr tut dies unser Gehirn, dessen neuronale Zugriffsmöglichkeiten durch eine ganz bestimmte Stimmung oder Einstellung beschränkt und gelenkt werden können. R. Arnheim beschreibt dieses Zurechtlegen von Welt mit dem Satz „Sobald wir wahrnehmen, gestalten wir auch.“ Unsere Möglichkeiten, Wahrnehmungen zu gestalten, werden gespeist aus den Erfahrungen, die wir machten und den daraus allmählich sich entwickelnden Einstellungen. Klarheit darüber zu haben, was man will und wie man zu etwas steht, erleichtert zwar immer Verhalten und Handeln, jedoch bedeuten all die oben genannten Faktoren auch, dass sie wie Filter unsere Wahrnehmung verschleiern.
Unsere von unseren Filtern verhängte Wahrnehmung nimmt gestaltend unstete Einzeldinge wahr. Dies stellt uns vor eine wichtige Aufgabe, vor allem wenn wir Kindern helfen wollen, sie „bilden“ wollen. Übringens haben Kinder diese Filter noch nicht (oder kaum). „Der erste und letzte Philosoph, der das Denken ursprünglich denkt, ist Platon. Und dieses Denken wird in dem zusammengefasst, was wir Bildung nennen. Bildung ist das Vermögen, die Ur-bilder der Natur zu sehen, betrachten, beobachten und verstehen zu können.“ W.F. Schmid: basic instinct, S. 125
Aletheia bedeutet Offenheit. Diese Offenheit ist nötig, um überhaupt Wahrheit hinter der Wirklichkeit zu erfassen. Diese Offenheit ist mit Vorurteilen, also dem „gestaltenden Wahrnehmen“ nämlich nicht vereinbar. Wir können uns dieser Filter bewusst werden und versuchen, durch genaues Wahrnehmen und scharfes Beobachten unser Bewusstsein zu trainieren.
„Das Sein also stellt sich – aus dem Bereich des Gewohnten und Vertrauten gedacht – als etwas Erstaunliches heraus, das eben darum in die Frage nötigt, was es denn sei. Durch diese Frage wird das Erstaunen nicht etwa ausgelöscht, sondern das Fragen ist selbst der Vollzug des Erstaunens. Je fragender dies Fragen, um so mehr wächst das Sein in seine Erstaunlichkeit und Befremdlichkeit empor als das durch ein Übermaß an Anwesenheit, ein Übermaß an Phänomenalität Ausgezeichnete. So lässt sich begreiflich machen, wie Philosophie, das Denken auf das Sein des Seienden, innerhalb des Bezugs der Griechen zum Seienden als dem Phänomen entspringen konnte. Es ist nicht von ungefähr, dass die Griechen diese Offenbarkeit des Seins mit einem Ausdruck von privativer Bedeutung gekennzeichnet haben: a-letheia, Unverborgenheit, das zeigt darauf hin, dass dem Übermaß an Anwesenheit eine Verborgenheit entspricht. Sein, Anwesenheit, erfuhren die Griechen als Auf- und Hervorgegangensein ins Unverborgene, ins Sich-Zeigen, in das Erscheinen. ... Dabei darf jedoch etwas ganz Wesentliches nicht übersehen werden: Die Griechen haben die Verborgenheit als Quelle alles Aufgehens in die Phänomenalität selbst nicht gedacht. Sie konnte auch gar nicht Thema ihres Denkens sein, da die Griechen ja ganz und gar eingenommen waren von der Phänomenalität, vom Sein als Erscheinen.
Karl-Heinz Volkmann-Schluck: Die Philosophie Martin Heideggers, Eine Einführung in sein Denken, Hrsg.: Bernd Heimbüchel, Königshausen & Neumann, Wärzburg 1996, S. 18
Überhaupt begegnet uns die Frage oft „Was, das war schon alles?“ Und aus dieser Unerfülltheit heraus, wird schon nach dem nächsten gestrebt, in der Hoffnung, dort das „Alles“ zu finden. Manche beschreiben diesen leicht zu beobachtenden Vorgang mit „Spaßgesellschaft“, etc., aber ich glaube nicht, dass es vor „unserer Spaßgesellschaft“ anders zuging in Bezug auf das Verborgende, Dahinterliegende. Vielleicht wurde früher sogar noch mehr nur auf das Erscheinende geschaut als heutzutage, es war für viele gar kein Anlass da, weiter zu suchen und zu sehen.
Wenn das, was vor uns liegt, ‚noch nicht’ alles ist, was ist es selbst denn dann? Es ist das, was wir wahrnehmen. Nun stehen wir vor einem zweifachen Problem: (...Und da C. und K. immer noch ihren Text über die Wahrheit nicht veröffentlich haben...J )
Wir nehmen, wie in dem letzten Teil beschrieben, etwas Unstetes wahr. Etwas Vergängliches und damit Wandelbares. Und wir nehmen dieses und jenes mittels unserer Wahrnehmung wahr, meistens ohne zu fragen, ob diese überhaupt dazu geschaffen ist, irgendetwas ‚wirklich’ wahrzunehmen.
Unsere Wahrnehmung wird von vielen Faktoren beeinflusst: Werte, Normen, Gesetze, Regeln, Verbote, Gebote, Vorbilder, Ideen, Emotionen, Empfindungen, Erfahrungen, Erinnerungen, Einstellungen und Stimmungen. Um zu verdeutlichen, wie sich der Einfluss dieser Faktoren auf unsere Wahrnehmung auswirken kann, brauchen wir eine kleine „Bilderleben“-Geschichte:

Man stelle sich einen wunderschönen Sonnenuntergang an einem entlegenen See vor. Am Ufer steht ein, von der Sonne erwärmter, großer Stein. Auf dem kann man sitzen und sich das Ganze anschauen, wahrnehmen. Um den See herum führt ein heimeliger kleiner Weg, von duftenden Blumen gesäumt. Es ist sehr sommerlich warm und nur eine leichte erfrischende Brise kühlt ab und zu und lässt das grüne Laub der Bäume angenehm rauschen. Auch das Wasser ist noch so warm, dass man ohne Überwindung einsteigen kann. Die untergehende Sonne malt mit den schönsten Farben am Himmel und dieses Schauspiel spiegelt sich im Wasser. Ein paar Fische lassen hin und wieder größer werdende Ringe entstehen, die sich bis zum Ufer ausdehnen. Die Zeit scheint still zu stehen, alles ist so friedlich und ohne Lärm.
So sitzt man dort und was sieht man? Gestern Nacht hat sich der geliebte Freund nach vier Jahren endgültig wegen ‚ihr’ getrennt. Alles in einem ist gelähmt, steif, einfach ‚angehalten’, nur dass man den Atem nicht einfach abstellen kann, aber es fühlt sich so an. Irgendetwas ist abgeschnitten, tot. Die Zukunft war doch schon geplant: Zusammenziehen, Urlaub buchen, sogar das Probeliegen bei Ikea auf dem großen runden Bett ... Und nun gibt es das nicht mehr.
Wie wird man die oben beschriebene Szene wahrnehmen?
Man malt sich immer alles so zurecht, wie es gerade passt, vielmehr tut dies unser Gehirn, dessen neuronale Zugriffsmöglichkeiten durch eine ganz bestimmte Stimmung oder Einstellung beschränkt und gelenkt werden können. R. Arnheim beschreibt dieses Zurechtlegen von Welt mit dem Satz „Sobald wir wahrnehmen, gestalten wir auch.“ Unsere Möglichkeiten, Wahrnehmungen zu gestalten, werden gespeist aus den Erfahrungen, die wir machten und den daraus allmählich sich entwickelnden Einstellungen. Klarheit darüber zu haben, was man will und wie man zu etwas steht, erleichtert zwar immer Verhalten und Handeln, jedoch bedeuten all die oben genannten Faktoren auch, dass sie wie Filter unsere Wahrnehmung verschleiern.
Unsere von unseren Filtern verhängte Wahrnehmung nimmt gestaltend unstete Einzeldinge wahr. Dies stellt uns vor eine wichtige Aufgabe, vor allem wenn wir Kindern helfen wollen, sie „bilden“ wollen. Übringens haben Kinder diese Filter noch nicht (oder kaum). „Der erste und letzte Philosoph, der das Denken ursprünglich denkt, ist Platon. Und dieses Denken wird in dem zusammengefasst, was wir Bildung nennen. Bildung ist das Vermögen, die Ur-bilder der Natur zu sehen, betrachten, beobachten und verstehen zu können.“ W.F. Schmid: basic instinct, S. 125
Aletheia bedeutet Offenheit. Diese Offenheit ist nötig, um überhaupt Wahrheit hinter der Wirklichkeit zu erfassen. Diese Offenheit ist mit Vorurteilen, also dem „gestaltenden Wahrnehmen“ nämlich nicht vereinbar. Wir können uns dieser Filter bewusst werden und versuchen, durch genaues Wahrnehmen und scharfes Beobachten unser Bewusstsein zu trainieren.
„Das Sein also stellt sich – aus dem Bereich des Gewohnten und Vertrauten gedacht – als etwas Erstaunliches heraus, das eben darum in die Frage nötigt, was es denn sei. Durch diese Frage wird das Erstaunen nicht etwa ausgelöscht, sondern das Fragen ist selbst der Vollzug des Erstaunens. Je fragender dies Fragen, um so mehr wächst das Sein in seine Erstaunlichkeit und Befremdlichkeit empor als das durch ein Übermaß an Anwesenheit, ein Übermaß an Phänomenalität Ausgezeichnete. So lässt sich begreiflich machen, wie Philosophie, das Denken auf das Sein des Seienden, innerhalb des Bezugs der Griechen zum Seienden als dem Phänomen entspringen konnte. Es ist nicht von ungefähr, dass die Griechen diese Offenbarkeit des Seins mit einem Ausdruck von privativer Bedeutung gekennzeichnet haben: a-letheia, Unverborgenheit, das zeigt darauf hin, dass dem Übermaß an Anwesenheit eine Verborgenheit entspricht. Sein, Anwesenheit, erfuhren die Griechen als Auf- und Hervorgegangensein ins Unverborgene, ins Sich-Zeigen, in das Erscheinen. ... Dabei darf jedoch etwas ganz Wesentliches nicht übersehen werden: Die Griechen haben die Verborgenheit als Quelle alles Aufgehens in die Phänomenalität selbst nicht gedacht. Sie konnte auch gar nicht Thema ihres Denkens sein, da die Griechen ja ganz und gar eingenommen waren von der Phänomenalität, vom Sein als Erscheinen.
Karl-Heinz Volkmann-Schluck: Die Philosophie Martin Heideggers, Eine Einführung in sein Denken, Hrsg.: Bernd Heimbüchel, Königshausen & Neumann, Wärzburg 1996, S. 18
rahel - 22. Jan, 11:27
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